"Zum Glück bin ich nicht mehr 21!"
Rubrik: Musik - Kunst - Kultur
Krise trotz Kreativität: Seit über 15 Jahren zieht die Punk-Band Muff Potter durch die Bundesrepublik D. - im Jahr 2009 geht ihre Geschichte zu Ende. polli-magazin sprach mit Sänger und Texter „Nagel“ über den Split der Band, wie die Krise Langeweile produziert, Erfolg dennoch zur Krisenbewältigung führen kann und was DIY heute mit der FDP zu tun hat.
Interview: Frank Segert (20 Jahre jung, möchte bald Politik studieren)
Nagel, noch im April habt Ihr in Eigenregie ein Album namens Gute Aussicht veröffentlicht und wart auf der „Gute Aussicht“-Tour im Postbahnhof zu sehen. Im Juli stand plötzlich auf eurer Website „WIR LÖSEN UNSERE BAND AUF!“ Was war vorgefallen?
Die Auflösung der Band war im Prinzip eine längere Entwicklung, immer wieder stand das mal im Raum. Es gab natürlich immer wieder Gründe, es nicht zu tun. Jetzt fühlte sich das aber irgendwie richtig an.
Seid ihr an dem Punkt angelangt, den ihr in eurem Song „Das halbvolle Glas des Kulturpessimismus“ beschreibt: „Die besten Lieder sind gesungen, die besten Bücher sind geschrieben“? Ist nichts mehr möglich im Muff-Potter-Universum?
Ich glaube schon, dass noch etwas möglich wäre. Man kann sich ja immer am Riemen reißen und mit viel Anstrengung und Leidenschaft etwas weiterbetreiben. Das ist aber auch immer mit sehr viel Aufwand verbunden. Und bei mir ist es im Moment so, dass ich in Zukunft zwar noch Musik machen will, aber ich das Gefühl habe, dass die Musik, das ganze Musikbusiness und die Szene noch nie so langweilig waren wie jetzt. Da schau ich mich eher nach anderen Ausdrucksmöglichkeiten um, wo mehr Frisches und Subversives möglich ist.
Du sprichst von „Musikbusiness“. Auch ihr seid beim Major-Label Universal untergekommen, auf dem ihr die vorletzten beiden Alben herausgebracht...
Mir geht es hier gar nicht um Majors, großes oder kleines Business. Ich glaube auch, dass es diese Differenzierungen immer weniger gibt. Mittlerweile arbeiten doch alle relativ gleich, das ist auch ein Grund dafür, warum alles so langweilig geworden ist. Daran müssen nicht zwangsläufig die Majors Schuld sein. Ich weiß nicht, ob überhaupt jemand daran Schuld ist, aber wenn, dann auf jeden Fall auch die ganzen kleinen Bands, die nur noch Karriere machen wollen und denen es im Prinzip scheißegal ist, womit.
Wird das Deiner Meinung nach durch die „Krise“ der Musikindustrie bedingt?
Natürlich hat das etwas mit der Krise der Musikindustrie zu tun. Alles muss heute schneller funktionieren und es ist kein oder kaum Geld da. Darum gibt es auch wesentlich weniger Wagnisse. Das finde ich schade.
Hat die Trennung von der Plattenfirma ihren Teil zum Band-Split beigetragen?
Ich glaube, dass ein funktionierendes Umfeld einen über vieles hinwegtäuscht, was nicht funktioniert in einer Band. Das war auch bei uns der Fall: Vor zwei Jahren wollte ich unbedingt die Band auflösen, weil ich so in dieser Konstellation nicht mehr spielen wollte. Da hatten wir auch Krisengespräche – und dann hab ich’s einfach vergessen. Wir haben darauf eine hervorragende Tour gespielt mit Chuck Ragan im Vorprogramm, waren mit dem Goethe-Institut in Nordafrika, hatten eine Plattenfirma, die uns unterstützt hat und ein Management. Im Zuge toller Erlebnisse und Erfolge haben wir schlicht vergessen, dass wir eigentlich eine Krise hatten.
Also hält Erfolg eine Band am Leben?
Nun ja, zum einen glaube ich, dass jede Band – oder jeder, der kreativ arbeitet - ein gesundes Umfeld und auch gewisse Erfolgserlebnisse braucht. Und je mehr man davon hat, desto länger macht man’s. Wenn man zum anderen aber irgendwann sieben Platten gemacht hat wie wir, trägt man einfach einen großen Rucksack auf dem Rücken, mit dem es immer schwerer wird, sich zu bewegen.
Von Universal nach zwei veröffentlichten Alben mit den neuen Demos in der Hand abgelehnt zu werden, stelle ich mir dann schon als gefühlten Tiefschlag vor.
Nee, das war nicht mal ein Tiefschlag.
Eher eine Befreiung?
Weder noch. Also ich bin da wirklich pragmatisch, was das angeht.
Dann eben Do-It-Yourself sozusagen.
Genau. Ich komme halt aus einer minikleinen Punkrock-Szene und ich hab immer nur das gemacht, was ich glaubte, machen zu müssen und ich freue mich, wenn andere mich unterstützen und wenn nicht, dann mach ich’s trotzdem. So. Ich bin da relativ abgeklärt und habe weder geglaubt, dass der Himmel sich öffnet, als wir einen Major-Plattendeal bekamen, noch war ich am Boden zerstört, als wir keinen mehr hatten.
Wäre es heute möglich, so abgeklärt eine Band zu starten?
Zum Glück bin ich nicht mehr 21 und gerade in meiner ersten Band! Ich stell mir vor, ich müsste da auf dem Red Bull Tourbus spielen und versuchen, groß rauszukommen. Ich meine, als ich 21 war, war ich erst mal 5 Jahre lang besoffen und habe Lieder auf drei Akkorden geschrieben. Jetzt muss das aber alles viel schneller gehen. Ich bin tatsächlich froh, dass ich darüber hinaus bin, weil ich mir vorstellen kann, dass man ganz schnell - so mit 25 - total desillusioniert ist. Ich bin das erst jetzt mit 33! (lacht)
Eigentlich seid ihr doch aber mit der Veröffentlichung des aktuellen Albums sogar Label-Eigentümer geworden: „Huck’s Plattenkiste“ heißt eure eigene Plattenfirma. Das klingt erst mal nach einer erfolgreichen Strategie.
Ich muss zum Selbstverständnis noch mal erklären: Wir haben zwar dieses Label Huck’s Plattenkiste, aber ich bin überhaupt nicht daran interessiert, eine Plattenfirma zu haben. Ich bin nur interessiert daran, Muff Potter-Platten unter bestmöglichen Bedingungen rauszubringen.
Unternehmer in eigener Sache?
Nein, ich finde auch nicht, dass jeder Musiker Unternehmer in eigener Sache sein sollte. Das idealisieren zwar viele, aber DIY, also Do it yorself, ist im Prinzip oft nur noch ein Euphemismus für einen Büro-Job oder für ein Kleinunternehmertum. Am Ende steht DIY dann für dasselbe wie die FDP.
...„Leistung muss sich wieder lohnen.“
Genau. Und „Jeder muss Unternehmer in eigener Sache sein“ und so etwas. Das finde ich aber nicht. Ich finde die Idee von Plattenfirmen total super. Wenn es für meine Band aber momentan das beste ist, die Platte selbst zu machen, dann mache ich es halt selbst, weil ich das beste für meine Band will.
Die Interessen in Eurer Band sind in punkto Vermarktung aber sehr unterschiedlich...
Ja, unser Gitarrist Dennis hat noch sein kleines Label Richard-Mohlmann-Records, auf dem er Ghost of Tom Joad, Miyagi und ähnliches rausbringt. Der interessiert sich total für die Musikindustrie, ich hingegen interessiere mich überhaupt nicht für das Musik-Business und ich interessiere mich auch nicht dafür, ein Label zu haben. Dennis wiederum produziert Platten. Er glaubt an diese Bands und ist da sehr umtriebig, was Finanzierungsmodelle angeht und kümmert sich dann auch um die Förderung der Initiative Musik und solche Sachen. Ich kriege da heute die Krätze, wenn ich an so etwas denke. Ich will damit nichts mehr zu tun haben.
Gerade in Zeiten des Internets verwischen aber die Grenzen zwischen Kommerz und Anti-Kommerz. Auch Ihr habt eure aktuelle Platte „Gute Aussicht“ erstmals vor dem Release zum Streamen auf eure Website gestellt...
Diese „Webwheel“-Sache war natürlich eine reine Promo-Aktion. Man geht heute ja eh davon aus, dass Musik im Netz landet. Ich persönlich finde es schade, dass es das nicht mehr gibt: An einem bestimmten Tag kommt die Platte raus und dann geht man in den Laden, kauft sich die, geht nach Hause, hört sich die an – in diesem Zusammenhang bleibe ich konservativ.
Die Band Kings of Convenience haben sich kürzlich auf intro.de zur Verfügbarkeit von Musik im Netz ausgelassen: „Man wertschätzt etwas, für das man schwer arbeitet oder das schwer zu finden ist. Gutes Essen ist schwer zu finden, also weiß man es zu schätzen. Luft hingegen ist sehr leicht zu finden, also schätzt man sie nicht. […] Je leichter Musik zugänglich ist, desto mehr nimmt ihr ästhetischer Wert ab.“ Naiv gesprochen: Hattet ihr das Gefühl, ihr entwertet eure Musik, als ihr sie ins Netz gestellt habt?
Wenn ich so über ein Thema nachdenke, dann denke ich viel mehr als Fan darüber nach, nicht als Musiker, weil ich es selbst als Fan schade finde. Und als Fan merke ich, dass das, was die Kings of Convenience da sagen, mindestens einen wahren Kern hat. Ich merke das auch selbst an mir. Wenn ich nach einer Afghan-Whigs-Platte auf Vinyl suche, die man nirgendwo mehr findet, weil es die Band seit zehn Jahren nicht mehr gibt und ich die Black Love im Second Hand Laden bekomme – da geh ich nach Hause und hör mir die zehn Mal nacheinander an. Ich besitze aber auch einen mp3-Player und dieses iPod-Rumgescrolle… - weniger Leidenschaft beim Musikhören, das geht einfach gar nicht. Und das stelle an mir selber fest. Insofern kann ich mir diesem Zitat was anfangen.
Kannst du einschätzen, welchen Einfluss die Webwheel-Geschichte auf Eure Verkaufszahlen gehabt hat?
Ich glaube nicht, dass das großen Einfluss hat auf Verkaufszahlen.
Habt ihr generell den Trend gesehen, dass ihr weniger CDs verkauft habt?
Nee, wir haben eigentlich mit jeder Platte immer ein bisschen mehr verkauft, aber man musste das immer so ein bisschen relativieren.
Inwiefern?
Also, wenn wir von Von wegen (2005) 9000 Stück verkauft haben von der Steady Fremdkörper (2007) wieder 9000 Stück – dann heißt das, dass die ungefähr doppelt oder drei Mal so gut angekommen ist wie die Von wegen, weil in der Zwischenzeit die Verkäufe eingebrochen sind. Das sind dann natürlich auch immer Rechnungen, die kann sich jeder so hinbiegen, wie es gerade schön klingt. Insofern habe ich mich auch nie für Verkaufszahlen interessiert.
Interessant an eurer Diskografie ist, dass die Alben als CD, auf Vinyl und digital veröffentlicht wurden. Daneben gab es 7“-Singles, Split-Singles oder auch eine exklusive iTunes-EP. Haben iTunes-Releases oder Vinyl-Ausgaben eurer Platten die niedrigen CD-Verkäufe ausgeglichen?
Nein, bei den erwähnten Platten sowieso nicht, weil die bei Universal waren. Da haben wir durch einen Vorschuss einfach nur Geld geschenkt bekommen, ohne das jemals wieder eingespielt zu haben, weil da einfach ganz andere Marketing-Etats aufgerufen werden. Bei der neuen Platte ist es natürlich schon wichtig, dass wir das Geld wieder reinbekommen. Aber wir wussten auch, als wir die gemacht haben, dass wir das erst mal wieder mit Konzerten auffangen müssen. Da macht man doch lieber eine Tausender Auflage Vinyl und die ist nach drei Wochen ausverkauft – das ist natürlich ein geiles Gefühl.
Und wie erklärt sich die iTunes-EP?
Das war auch eine reine Promo-Sache im Prinzip. Als Musik-Fan würde ich am liebsten alles auf Vinyl rausbringen. Ich würde sogar am liebsten alles nur auf Vinyl rausbringen. Aber das ist natürlich auch ein bisschen arrogant, von jedem der Muff Potter mag, zu verlangen, so Musik zu hören, wie ich das mache. Ich finde Sachen, die es nur zum Download gibt, auch nicht ideal, aber es passiert halt immer wieder, dass man Sachen hat, für die es sich nicht lohnen würde, davon 500 Singles rauszubringen.
Und ihr glaubt nicht, dass ihr Liebhaber eurer CDs und Vinyls damit verprellt?
Nee, ich glaube nicht. Wenn man sich die Muff Potter Veröffentlichungspolitik ansieht, sieht man, was unsere Vorlieben sind und dass wir uns immer sehr viel Mühe gegeben haben mit schön aufgemachten Platten. Und dann kommt ja noch dazu: Wenn man sich Gedanken darüber machen würde, womit man Leute verprellt… Damit habe ich vor ungefähr zehn Jahren aufgehört. Damals war ich in einer noch viel krasseren Szene, da wurde man für alles ausgestoßen, was man gemacht hat. Das einzige, was einem übrig blieb, war, den Stinkefinger zu zeigen und das zu machen, von dem man glaubt, dass es richtig ist.
„Ih, ihr verkauft Platten…“
Ja, da gab’s alles. „Ih, ihr habt ’ne Website“ gab’s am Anfang. „Das ist Kommerz!“
Am Anfang des Interviews hast Du von „anderen Ausdrucksmöglichkeiten“ gesprochen, durch die mehr „Frisches und Subversives“ für Dich möglich ist. Du hast 2007 ein Buch veröffentlicht: Wo die wilden Maden graben. Wirst du dem eins folgen lassen?
Ja, daran arbeite ich gerade. Dazu möchte ich allerdings noch nichts verraten.
Kann man schon einen Zeitpunkt erfahren?
Nein, auch nicht. Das wüsste ich auch gerne, aber es gibt auf jeden Fall lange Vorlaufzeiten in dieser Branche. Und da muss man sich als Musiker erst mal dran gewöhnen (lacht).
Welche Unterschiede in der Vermarktung der Produkte gibt es in den jeweiligen Branchen?
Buchproduktionen werden ein bisschen nachhaltiger geplant als Plattenveröffentlichungen. Nicht alles ist auf einen kurzen Hype angesetzt, wie das in der Musikbranche mittlerweile üblich ist oder vielleicht immer üblich war. Für einen sehr ungeduldigen Menschen wie mich bedeutet das aber auch, dass ich erst lernen muss, dass alles etwas länger dauert, als ich das gerne hätte (grinst).
Wenn du zu dem Buch nichts sagen willst, kannst du vielleicht wenigstens aufklären, ob dein Solo-Projekt Freunde der Nacht/Ruhe reaktiviert wird.
(überlegt) Ich glaube nicht, ehrlich gesagt. Ich habe das mal aus Spaß gemacht, weil ich Lust hatte, alleine auf Tour zu gehen.
Du warst doch sogar noch diesen Sommer auf dem Melt! Festival, habe ich gelesen.
Ja, da gab’s Geld.
Schönes Schlusswort eigentlich.
(lacht) Ja, aber das macht schon Spaß, sich alleine auf die Bühne zu stellen, auch wenn es nicht die innovativste Idee der Welt ist. Ich muss jetzt nicht, nur weil Muff Potter sich auflösen, so schnell wie möglich eine Solo-Platte zusammenzimmern. Das braucht weder mein Ego noch die Welt.
Nagel, ich danke Dir für dieses Gespräch.
Muff Potter sind im November und Dezember auf großer „Alles war schön und nichts tat weh“-Abschiedstour und schauen am 3. Dezember sogar im Lido vorbei. Tickets kosten im VVK ca. 18 Euro.






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