2009-10-19
"Heute sind wir hier nur Beiwerk und das ist auch gut so"
Einmal im Jahr öffnet die Berliner Politik ihre Pforten für die Jugend: Beim 9. Berliner jugendFORUM im Abgeordnetenhaus geht es in diesem Jahr um das Thema Kreativität und Krise. Kann die Jugend der Krise nach all ihren Regeln entgegenwirken?
Text: Mimoza Troni (21 Jahre alt, Redakteurin von polli-magazin, studiert Politik und Geschichte an der Universität Potsdam)
Die Türen stehen offen, die Jugendlichen stürmen rein. Auch dieses Jahr sind es wieder über 1.000 Jugendliche, die sich zu jugendpolitischen Themen im Berliner Abgeordnetenhaus äußern wollen, 100 Projekte stellen auf den Fluren des prunkvollen Gebäudes aus, knapp 40 Abgeordnete stehen den Jugendlichen Rede und Antwort - so viele wie noch nie. Im Plenarsaal übergibt der Vize-Präsident des Abgeordnetenhauses, Uwe Lehmann-Brauns, zunächst das Haus an die Jugendlichen: Seine Einleitung ist kurz, die Situation scheint für ihn ungewohnt. Wo sonst die Fraktionen sitzen und Abgeordnete diskutieren, springt plötzlich ein Poetry Slamer namens Temye Tesfu auf und legt eine poetische Einlage zur Krise und Kultur hin. Ein Jazz-Band steht am Rande und wirbelt, Jugendliche klatschen und blicken erwartungsvoll in den Saal. Lehmann-Brauns bleibt trocken und versucht es gelassen, er wünscht sich eine „Streitkultur und Erkenntnisse“, sagt er. Es sei „schwer in der Politik heute zu wirklichen Erkenntnissen zu kommen“, es gebe „tausende von Meinungen“. Und die Themen seien schwierig, die an diesem Tage behandelt werden sollen, so Lehmann-Brauns. Politik sei schwieriger als man denke. Umso mehr dankt er den „Initiatoren und den Machern“ dieser Veranstaltung.
Berliner jugendFORUM - die größte jugendpolitische Veranstaltung in der Hauptstadt.
Das Berliner jugendFORUM ist die größte jugendpolitische Veranstaltung in der Hauptstadt. Insgesamt neun Diskussionsrunden stehen am 14.11.2009 auf der Agenda. Von „A“ wie Alkoholexzesse über „G“ wie gerechte Gesellschaft bis hin zu „Z“ wie Zukunftsvisionen in der Bildungspolitik. Worauf steuern wir zu? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Diskussionsgruppe zu den Bildungsstreiks und den Schulreformen. Wie viel Kopftuch braucht die Stadt? fragte eine weitere Diskussionsrunde über Integration in Berlin: Wie kann man Vorurteile abschaffen und wie stark sind die beruflichen Perspektiven eingeschränkt, wenn man ein Kopftuch trägt? Eine Mehrheitsgesellschaft, die für jegliche Religionen und Ethnien offen sein will, sollte Brücken in dieser Gesellschaft schaffen, das ist Konsens.
Aufstieg und Chancengleichheit, Geschlecht und Gesellschaft
Aufstieg und Chancengleichheit spielt auch im Raum 309 eine Rolle: Arme Eltern, arme Kinder: Was tun? Für die Jugendlichen scheint das ganz klar zu sein: Der Aufstieg ist schwer und die Fehler liegen im System. Das Problem wird erkannt, ist aber aufgrund der Finanzen zum Scheitern verurteilt. Welche Rolle das Geschlecht wiederum in der heutigen Gesellschaft spielt, wurde unter dem Motto Füreinander, Gegeneinander, meine Welt, dein Geschlecht: Wie gerecht ist die Gesellschaft? diskutiert. Für Oliver Scholz von der CDU-Fraktion scheint die Gesellschaft bereits gerecht zu sein. Fast zumindest. Einer seiner Kommentare ruft dann Empörung hervor. „80 Prozent der Schwulen beschweren sich nicht und fühlen sich nicht diskriminiert“, sagt er. Die Jugendlichen halten dagegen, sie wünschen sich eine Alltagskultur ohne Diskriminierung, die gebe es ja noch immer nicht, trotz homosexueller Politiker und schwuler Showmaster in der heutigen Zeit.
Kreativität und Kultur
Auf dem 9. Berliner jugendFORUM geht es in diesem Jahr kreativ zu. Während in den Fraktionsräumen Jugendliche und Abgeordnete hitzig diskutieren, bebt der Eingangsbereich, eine Band in Masken, die Bulldogs aus Berliner, poltern mit synthypopartigem Dub-Step/Cyber-Punk im Foyer und beschallen das Haus. Die besten Tänzer der Stadt wollen sich bewegen, vielleicht auch etwas bewegen: auf dem HipHopNu-Style-Battle 2009 treten sie im Foyer gegeneinander an: die beste Crew gewinnt einen Preis. Hier steht Kreativität vor der Krise. In den Diskussionsrunden ist das nicht immer so. Im Workshop Daten frei und Spaß dabei – die Jugend im Netz und Moderne Nazis, plakative Parolen: Rechtsextreme machen gegen die Demokratie mobil geht es rund um die virtuelle Welt. Kreativität wird missbraucht um Leute, v.a. Jugendliche, zu ködern. Während in der ersten Diskussionsrunde festgestellt wird, dass die Datenschutzgesetzte nicht hinreichend seien, um Missbrauch zu verhindern, wird in Sachen rechtsextreme Veröffentlichung im Netz die Schuld auf die Betreiber selbst geschoben.
Getreu dem Motto Kreativität trotz(t) Krise wird auch im Raum 367 diskutiert. Krise? Ist mir doch egal, ich mach also bin ich. Berliner Kreative trotzen der Krise? lautet hier die Diskussionsgrundlage. Zahlreiche Künstler, Labelbetreiber, Designer, Modemacher sind gekommen. Was verlangen diese Leute von der Berliner Politik? Hauptanliegen und -ergebnis ist die Vereinfachung von Verwaltungsangelegenheiten, wenn es um kreative Krisenbewältigung geht. Damit überwindet man zwar keine Krise, macht aber der Kreativität den Weg frei.
Laut und lebendig
Während in den einzelnen Räumen an diesem Tag das Mundwerk geradezu rattert, wird im Foyer und Treppenhaus immer wieder Kultur live geboten: ehrenamtliche Projekte stellen sich vor, Jugendliche rennen durch das Haus und informieren sich. Überall stehen Pappfiguren, es wird getwittert, debattiert und sich vernetzt. Das Kulturprogramm ist laut, für die Diskutierenden oftmals zu laut. Es macht das Diskutieren und Informieren an diesem Tag schwierig. Das, was heute geschieht „finde ich sehr gut und auch, dass sich gerade die Jüngeren des Themas Krise annehmen. Ich hoffe sehr, dass es euch Jüngeren heute gelingt etwas herauszuarbeiten, das und allen hilft“, fügt der 71-jährige CDU-Politiker Lehmann-Brauns hinzu.
Das Berliner jugendForum will die oftmals als politikverdrossen geltende Jugend an die Politik heranführen. Ein schweres Unterfangen, das Haus ist zwar voll, aber es sind in der Regel engagierte Jugendliche, junge Leute, die an diesem Tag vor Ort sind, die in irgendeiner Weise in die Veranstaltung eingebunden sind. Einmal im Jahr gibt es in Berlin die Gelegenheit zum offenen Diskurs zwischen Jugend und Politik. Was aber folgt daraus, was passiert an den restlichen 364 Tagen? Die Jugendlichen des Berliner jugendForum haben der Politik zumindest in diesem Jahr an diesem Tag nicht den Rücken gekehrt. „Heute sind wir hier nur Beiwerk und das ist auch gut so“, findet Lehmann-Brauns. Und wenn der eine oder die andere die Gelegenheit nutze, um „uns mal im Abgeordnetenhaus zu besuchen, dann ist das ein Beitrag zur Nachhaltigkeit“.
Eine Sonderausgabe von polli-magazin zum jugendFORUM finden Sie hier







